ABLED

Photography series | Fotoserie
Thikwa, Berlin, Germany | Deutschland
2019 – 2020


«Thore Kohl has captured the expressions of the artists in a sensitive and intimate manner. Their personalities are tellingly reflected in his photos. The person is portrayed with his unique abilities and ideas, the disability takes a backseat.»


Andreas Kirsch, Photographer and Father of Thikwa Artist Hilarius



«Thore Kohl hat auf einfühlsame Art und Weise die Ausdrucksstärken der Künstlerinnen und Künstler festgehalten. Ihre Persönlichkeiten werden in seinen Fotos eindrucksvoll dargestellt. Der Mensch wird mit seinen einzigartigen Fähigkeiten und Ideen gezeigt, die Behinderung tritt in den Hintergrund.»


Andreas Kirsch, Fotograf und Sohn des Thikwa-Künstlers Hilarius







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From September 2019 until April 2020 I had the opportunity to work at Berlin’s inclusive performing and visual arts centre Thikwa within the German Voluntary Social Year programme for young people. Thikwa started in 1985 as a pilot project, and was officially recognized as a workshop for disabled people by the German government in 1998. Today, it employs 44 people with different disabilities, who work full-time in the areas of visual and performing arts.

What makes Thikwa so special is that the artists with disabilities work and perform together with artists without disabilities, who are temporarily engaged for each new play. Yearly, Thikwa gives about 100 performances in Berlin as well as in other towns and countries. When the artists are not involved in theatre productions, they work in the ateliers of the workshop and take part in daily training sessions on acting, music and dance.

When I started working at Thikwa, many friends and relatives asked me how it felt to work there; they wondered about the disabilities of the artists and asked if I could label or categorize them. I heard questions like “Is it true that all people with autism are good at maths and people with down syndrome are always happy?” Most had never encountered people with disabilities just like I before I started working at Thikwa. So, I was not surprised by these questions coming from an environment where barely anybody has been exposed to disabled people. Understandably then, the questions and expectations about my work often missed the reality I was experiencing day to day. In the end I was unable to find fitting words that accurately depicted life at the theatre – for outsiders it just seemed like a totally different and an unfathomable reality. The only thing I could often say was: “I can’t describe it, you have to see it for yourself.”

What I could not describe with words, I hope the photo series ABLED will, a collection of 55 images I took in the course of my eight-month stay at Thikwa.

According to the dictionary the word “abled” means as much as “not disabled”. This suggests that “abled” and “disabled” are polar opposites, that they are mutually exclusive. Thus, someone who is disabled cannot be abled, connoting some inherent and all-encompassing flaw or dysfunction. Yet, if there is one thing I learnt at Thikwa, it is that this is not true. Such facile labels are meaningless for truly grasping what the other person is like.

I hope ABLED will reflect just that – the fact that “disabled” and “abled” are not at all mutually exclusive, that all the people I met at Thikwa have their individual strengths and weaknesses, interests and abilities.

There is for instance Torsten who relishes architecture with a particular passion for underground infrastructure, like tunnel systems and metro stations. There is Oliver who is a fan of America, superheroes and wrestling, and captures this in his pop art style works. There is Merete, an eager writer, who puts everything from fairy tales to Toyota car advertisements on paper. There is Peter, full of zeal and vigour. He has not only won multiple awards for his exuberant paintings inspired by van Gogh, da Vinci and Renoir but also loves to perform onstage. All this is what ABLED is about: accentuating the artists in their natural surroundings by showing off their unique traits, passions and temperaments.

Portraits of artists complement snapshots of them working in the atelier, the wood workshop, the music studio, during acting sessions and physiotherapy, on the dance floor, onstage and backstage.


Von September 2019 bis April 2020 habe ich im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahres im Thikwa in Berlin gearbeitet. Das Thikwa ist ein inklusives Theater- und Kunstzentrum, das 1985 als Modellprojekt gegründet und 1998 offiziell als Werkstatt für behinderte Menschen anerkannt wurde. Heute beschäftigt Thikwa 44 Menschen mit Behinderung, die Vollzeit in den Bereichen bildende und darstellende Kunst arbeiten.

Was Thikwa so besonders macht, ist, dass Künstlerinnen und Künstler mit Behinderung zusammen mit Gastkünstlern ohne Behinderung arbeiten und auftreten. Jährlich gibt Thikwa an die 100 Vorstellungen sowohl in Berlin, als auch in anderen Städten und im Ausland. Wenn die Künstler gerade nicht in Theaterproduktionen eingebunden sind, arbeiten sie in den Ateliers der Werkstatt und nehmen an täglichen Schauspiel-, Musik- und Tanztrainings teil.

Als ich mein FSJ am Thikwa begann, fragten mich viele Freunde und Verwandte, wie es denn sei, dort zu arbeiten, welche Behinderungen die Künstlerinnen und Künstler genau hätten, und wie sich diese äußerten. Ich hörte Fragen wie: „Ist es wahr, dass alle Autisten gut in Mathe und Menschen mit Down-Syndrom immer glücklich sind?“ Die meisten hatten noch nie Kontakt mit behinderten Menschen, genauso wenig wie ich vor meiner Zeit im Thikwa. Deshalb war es wenig überraschend, dass viele Fragen und Erwartungen in Bezug auf meine Arbeit oft gar nichts mit der Realität, die ich tagtäglich erlebte, gemein hatten. Zugleich fand ich es schwer, die passenden Worte zu finden, um das Leben in der Thikwa-Werkstatt zu beschreiben – für Außenstehende wirkte es einfach wie eine komplett andere und unvorstellbare Realität. Das Einzige, was ich oft sagen konnte, war: „Ich kann es nicht beschreiben, ihr müsstet es selbst erleben.“

Was ich nicht mit Worten zu beschreiben vermochte, hoffe ich nun mit der Fotoserie ABLED zu tun, eine Auswahl von 55 Bildern, die ich während meines achtmonatigen Aufenthaltes im Thikwa aufgenommen habe.

Das Wort „abled“ kommt aus dem Englischen und heißt so viel wie „not disabled“, auf Deutsch „fähig“ oder „nicht behindert“. Dies suggeriert, dass die Wörter „abled“ und „disabled“ gegensätzlich sind, dass sie sich gegenseitig ausschließen. Jemand, der behindert ist („disabled“), kann also per definitionem nicht nichtbehindert oder fähig („abled“) sein – etwas, das einen wesentlichen und umfassenden Defekt konnotiert. Doch wenn ich eines im Thikwa gelernt habe, dann ist es, dass solch oberflächlichen Einteilungen nicht stimmen. Sie sind bedeutungslos, um einen anderen Menschen wirklich zu verstehen.

Ich hoffe, dass ABLED genau das wiedergeben wird – die Tatsache, dass „disabled“ und „abled“, „behindert“ und „fähig“ sich nicht gegenseitig ausschließen, dass alle Menschen, die ich im Thikwa traf, ihre eigenen Stärken und Schwächen, Interessen und Fähigkeiten haben.

Da ist zum Beispiel Torsten, der sich für Architektur begeistert mit einer besonderen Vorliebe für unterirdische Systeme wie Tunnel und Metrostationen. Da ist Oliver, der für Amerika, Superhelden und Wrestling brennt und dies in seinen Pop-Art-ähnlichen Kunstwerken einfängt. Da ist Merete, eine eifrige Schriftstellerin, die alles von Märchen bis hin zu Toyota-Autowerbung auf Papier bringt. Da ist Peter, voller Kraft und Leidenschaft. Er hat nicht nur mehrere Preise für seine energiegeladenen Gemälde, inspiriert von van Gogh, da Vinci und Renoir, gewonnen, sondern er liebt es auch, auf der großen Bühne aufzutreten. Und genau darum geht es bei ABLED: die Künstlerinnen und Künstler in ihrer alltäglichen Umgebung zu portraitieren mit ihren ganz persönlichen Eigenarten, Leidenschaften und Temperamenten.

Die Porträts der Künstler und Künstlerinnen werden ergänzt durch Aufnahmen von ihrer Arbeit im Atelier, der Holzwerkstatt, dem Musikraum, in Schauspieltrainings und der Physiotherapie, auf der Tanzfläche, der Bühne und hinter der Bühne.